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Festvortrag gehalten am 6.6.2019 von Wilfried Tschiggerl

Ein Jubiläum gibt uns immer Anlass zu einem genaueren Blick in die Geschichte: Schon vor dem zweiten Weltkrieg zeichnete sich in den USA ein zunehmender Trend hin zum ärztlichen Spezialistentum ab, Allgemeinmediziner wurden aus den Krankenhäusern verdrängt, Jungärzte strebten Facharztausbildungen an. Dem versuchten die Gründerväter der Allgemeinmedizin entgegenzutreten.

Vor 50 Jahren war Österreich einer von nur wenigen Staaten Europas, in denen die ärztliche Ausbildung und Tätigkeit durch Gesetz geregelt war – das Ärztegesetz 1949 mit der Novelle 1964. Als sich im Jahre 1959 erstmalig wissenschaftlich interessierte praktische Ärzte, unter Ihnen der durch seine wegweisenden Forschungen bekannt gewordene niederösterreichische Landarzt Robert N. Braun, Brandmeier aus München, Engelmeier aus Westfalen, Gärtner aus der DDR und Krüsi aus der Schweiz, zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenschlossen und die Gesellschaft für praktisch angewandte Medizin gründeten – mit dem Ziel, niedergelassene praktische Ärzte für die Erforschung und Entwicklung ihres eigenen Arbeitsgebietes zu gewinnen, war dies die Geburtsstunde der Allgemeinmedizin in Mitteleuropa.
Daher feiern wir heute nicht nur das 50 jährige Bestehen unseres Institutes, sondern auch

60 Jahre Allgemeinmedizin im deutschsprachigen Raum.

Im Jahr 1961 wurde diese Gesellschaft für praktisch angewandte Medizin in eine internationale erweitert. Sie erhielt den Namen Internationale Gesellschaft für Allgemeinmedizin (IGAM) – Societas Internationalis Medicinae Generalis (SIMG).

Die allererste „Academy of General practice“ wurde Ende der 40er Jahre in den USA gegründet, es folgten Kanada und Großbritannien (1952 das „Royal College of General Practitioners“), wo sich Mitte der 1950er-Jahre ähnlich gesinnte Kollegen um Scott in Edinburgh und Crombie und Hodgkin in Mittelengland zusammenfanden. Auch aus Jugoslawien (Agram) kamen grundlegende Arbeiten von Prof. Vuletic, der als erster in Europa Fachärzte für Allgemeinmedizin ausbildete.

1964 trafen in Heidelberg erstmalig Hochschullehrer und praktische Ärzte zu einem Rundtischgespräch zusammen. Dieses sog. „Heidelberger Gespräch“ war die Geburtsstunde der Allgemeinmedizin an den Hochschulen im deutschen Sprachgebiet. Professoren unter ihnen Mitscherlich und von Uexküll sowie die praktischen Ärzte Braun, Buchmeyer, Franz, Feitag, Martin, Prosene und Reichenfeld stellten damals fest: Der Medizinstudent weiß nichts von dieser Form der Medizin, von der der größte Teil der Kranken versorgt wird.

Und im selben Jahr – 1964 –  fand im Klagenfurter Konzerthaus – gefördert vom damaligen Landeshauptmann Wedenig – die später historisch gewordene Klagenfurter Enquete statt, zu der der aktive Verband der praktischen Ärzte unter dem Präsidenten Knapp eingeladen hatte. Dazu zitiere ich aus einer Publikation von Gottfried Heller aus dem Jahr 1974:

„Wir haben damals auf die bedrohliche Nachwuchssituation und ihre künftige Entwicklung hingewiesen und die Ursachen hierfür klargelegt. Die vor 10 Jahren“ also 1964 „getroffenen Voraussagen sind eingetroffen, nur ärger als damals prophezeit. Die Zahl der praktischen Ärzte ist von 4650 auf 4205, also um ca. 10% zurückgegangen, ihr Durchschnittsalter ist von 53 auf 56 Jahre angestiegen.

Da durch fünf Jahre, bis 1969, außer schönen Worten von Bundes-, Landes-, Sozial- und auch Standespolitikern keine wesentlichen Maßnahmen gesetzt wurden, schritten wir in Kärnten zur Selbsthilfe und gründeten vom Verband der praktischen Ärzte das Österreichische Institut für Allgemeinmedizin, welches sich zum Ziel gesetzt hat, nach gründlichen analytischen Studien alle Aktivitäten zur Verbesserung der Situation des praktischen Arztes in Österreich zu ergreifen. Als Vorbild diente uns damals besonders das holländische Hausarztinstitut in Utrecht. Unterstützt wurde unsere Arbeit materiell und ideell nur von der Kärntner Ärztekammer und dem Land Kärnten ...“ Zitat Ende. (Öst. Ärzteztg. 29/13/14 (1974))

Nach intensiven Vorarbeiten hatten also die Protagonisten unseres Institutes die Situation der praktischen Ärzte in Österreich analysiert und die Ursachen der schon damals bedenklichen Entwicklung (7 ½ Minuten pro Patient) erstmalig in der Öffentlichkeit aufgezeigt.

1964 fand auch der erste Weltkongress der wissenschaftlichen Colleges und Gesellschaften in Montreal statt, weitere internationale Kongresse wurden 1966 in Salzburg und 1968 in New Dehli veranstaltet.

Im Jahr 1966 wurde in Klagenfurt die Arbeitsgemeinschaft für moderne Praxisführung unter der Leitung von Gottfried Heller ins Leben gerufen, quasi die Vorgängerinstitution des Institutes.
Fast zeitgleich erfolgte die Gründung der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) in Innsbruck. Ihr erster Präsident war Fritz Geiger aus Tirol, die Vizepräsidenten Gottfried Heller (Kärnten) und Robert Winter (Steiermark).
Von Anfang an war geplant, sich neben Betonung der Wissenschaftlichkeit auch für eine praxisgerechte Fortbildung, eine moderne Praxisführung, die Lehrpraxis, die Praxisfamulatur und die Lehre der Allgemeinmedizin an den Universitäten einzusetzen.

Der praktische Arzt als Basis der ärztlichen Versorgung.

Am 7.6.1969 wurde das Österreichische Institut für Allgemeinmedizin und moderne Praxisführung feierlich eröffnet. Das Ziel: Die universelle Aus- und Weiterbildung des praktischen Arztes soll gefördert werden, der aktuelle Wissensstand der Allgemeinmedizin vermittelt und Erfahrungen der nächsten Generation weitergegeben werden.

Die Gründungsmitglieder waren Gottfried Heller, Grita Knobloch, Wolfgang Embacher, Gerhard Heyn, Erwin Krebs und Hermann Leitner, – der auch mit der Gründung des Ärztefunkvereins in Wolfsberg im Jahr 1968 den Grundstein für den ärztlichen Bereitschaftsdienst in Österreich legte.

In einem Sonderdruck aus Heft 10 der Österreichischen Ärztezeitung vom 25. Mai 1969 anlässlich der Gründung des Österreichischen Institutes für Allgemeinmedizin und moderne Praxisführung wurde u. a. der „Entwurf eines Ausbildungsprogrammes für die Niederlassung des Facharztes für Allgemeinmedizin in Österreich“ zur Diskussion vorgelegt.

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Sonderdruck aus Heft 10 der ÖÄZ vom 25. Mai 1969

Publikationen aus damaliger Zeit zeugen vom Engagement unserer Kollegen und auch Kolleginnen. Inhalte waren z. B. Standards und Normen in der Allgemeinmedizin, Rationalisierungsvorschläge der Arbeitsabläufe, die Praxiseinrichtung sowie fachliche Themen wie z. B. die Pathologie der Therapie – nur der Hausarzt kann Nutzen und Risiko im Gesamtzusammenhang des einzelnen Patienten sehen.

1971 wurde in der Schweizerischen Rundschau für Medizinische Praxis die – aus damaliger Sicht zukünftige – Bedeutung der Geriatrie in der Allgemeinmedizin thematisiert. Und auch die Wichtigkeit des ärztlichen Gesprächs war Thema von Publikationen.

Die Arbeiten des Institutes waren also die Erstellung eines Ausbildungsreformprogrammes, die Einführung einer Famulatur für Medizinstudenten in allgemeinärztlichen Lehrpraxen sowie die Durchführung von Ausbildungskursen während der Turnuszeit als Vorbereitung für die Niederlassung zum praktischen Arzt, programmierte Fortbildungskarten und Arbeitsbehelfe, Praxis-Niederlassungsseminare u.v.m..

Am 10. November 1971 erhielt Gottfried Heller an der Grazer Franzensuniversität den ersten Lehrauftrag für Allgemeinmedizin in Österreich.

Es gab eine enge Zusammenarbeit zwischen SIMG und ÖGAM, die jährlichen Kongresse der SIMG fanden zuerst in Igls, von 1983 bis 1992 in Klagenfurt, der letzte unter Mitwirkung der ÖGAM 1994 in Salzburg statt.

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Die fortschrittlichen dänischen Kollegen Carsten Vagn-Hansen und Ole Ohlsen beim SIMG-Kongress 1992 an der Universität Klagenfurt.

In der ÖGAM gelang es nach einigen Jahren mit dort wenig Aktivität Gottfried Heller im Jahr 1975, die ÖGAM als einzige österreichische wissenschaftliche Vereinigung für Allgemeinmedizin wiederzubeleben. Die Arbeit des Institutes und der ÖGAM waren also durch die Person Heller eng miteinander verknüpft. Er führte im Jahr 1973 in Österreich die Lehrpraxis ein.

 

Ein weiteres wichtiges Arbeitsgebiet des Institutes bildet seit jeher die Aus- und Fortbildung von Ordinationsassistentinnen. Aus Informationsabenden für Arztgattinnen und Arzthelferinnen in den 60er-Jahren und später – nach Inkrafttreten des Sanitätshilfsdienstgesetzes (SHDG) 1961 – Lehrtätigkeit bei Ordinationsgehilfenlehrgängen, die das Land Kärnten zu Beginn der 1990er-Jahre einstellte, wodurch das Institut sich zu der etablierten Ausbildungseinrichtung für Ordinationsgehilfinnen entwickelte, entstand in den letzen Jahren die erste Schule für medizinische Assistenzberufe in Kärnten.

Mein Vorgänger – Anton Seiwald, der das Institut von 1990 bis 2008 leitete, – hat an unserem Institut im Jahr 1994 – auch ein Novum in Österreich – Supervisionsgruppen für Ordinationsgehilfinnen eingeführt und 2002 auch das erste Fortbildungsprogramm für Ordinationsgehilfinnen in Österreich etabliert.

 

Nachdem schon in den 70er und 80er Jahren Psychosomatik in der Allgemeinmedizin als wichtiger Teil derselben erkannt wurden, war es eine logische Folge, auch in diese Richtung weiter zu arbeiten. So wurden ab 1991 im Auftrag des PPP-Referates der Ärztekammer für Kärnten vom Institut Fortbildungsseminare für die ÖÄK-Diplome für Psychosoziale und Psychosomatische Medizin (also PSY I und PSY II) organisiert.
Ich bedaure es sehr, dass wir jetzt das sechste Jahr in Folge keine PSY-Diplom-Fortbildungen mehr veranstalten können, da die derzeit jungen Kolleginnen und Kollegen den Weg zum bio-psycho-sozialen Modell – sagen wir – nicht sehen gelernt haben.

 

Zurück zur Allgemeinmedizin und ihren Krisen: Heute haben wir in der Allgemeinmedizin teilweise die gleichen Probleme wie vor 50 Jahren: eine Strukturkrise, schlechtes Image des Allgemeinmediziners, Überbelastung, geringeres Einkommen als Fachärzte und das Nachwuchsproblem.

Ich zitiere dazu aus einem Gründungspapier unseres Institutes:
„Den Verantwortlichen für das Gesundheitswesen in allen Ländern macht der Mangel an praktischen Ärzten große Sorgen, insbesondere der Nachwuchsmangel. Denn mehr als je bedarf es im Zeitalter der Spezialisierung und Subspezialisierung eines Arztes, der noch die gesamte Medizin überblickt und Zusammenschau und Synthese in der Heilkunde praktiziert. Er kann dem kranken Menschen als Gesamtpersönlichkeit, in Kenntnis seiner Familiensituation, seiner Umgebung, seines Arbeitsplatzes, wirklich helfen, insbesondere bei der heute immer größer werdenden Zahl von psychosomatischen Erkrankungen.“

Und noch ein Zitat aus (einem leider undatierten Dokument in) unserem Archiv:
„Die aufgezeigten Bemühungen der allgemeinmedizinischen Pioniere der 50er und 60er Jahre wären aber vielleicht längere Zeit unbeachtet geblieben, wenn sie nicht durch eine weltweite Entwicklung Succurs bekommen hätten: der bedenkliche Mangel an praktischen Ärzten hat überall die für das Gesundheitswesen Verantwortlichen veranlasst, nach Abhilfe zu suchen.

Es besteht das elementare Bedürfnis der Bevölkerung nach guter und moderner ärztlicher Versorgung.

So mußte z. B. die Wiener Bevölkerung fast einen Zusammenbruch der ärztlichen Versorgung bei der letzten weihnachtlichen Grippeepidemie erleben. Hier wurde den Verantwortlichen und der gesamten Bevölkerung die Notwendigkeit und Unersetzbarkeit des praktischen Arztes in der ersten ärztlichen Linie drastisch vor Augen geführt. Er ist hier durch keine andere medizinische Einrichtung ersetzbar, insbesondere nicht durch ein Ambulatorium, denn würde es diesen Allgemeinpraktiker nicht geben, wären alle anderen ärztlichen Dienste bei ihren spezifischen Funktionen hoffnungslos blockiert.

Es hat sich gezeigt, daß der Mangel an praktischen Ärzten in einem direkten Verhältnis zu den Ausbildungsmöglichkeiten in Allgemeinmedizin steht.“ Zitat Ende.

Und damit möchte ich nun ausgehend von dieser uns immer wieder einholenden Problematik zu einem Ausblick auf die Zukunft kommen:
Das Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung an der MedUni Graz betreut derzeit zwei Pflichtmodule und ein spezielles allgemeinmedizinisches Studienmodul und ist in zwei weiteren vertreten (Psychiatrie/Psychosomatik und Schmerzmodul). Außerdem werden dort die Studierenden im derzeit leider einzigen Pflichtpraktikum Allgemeinmedizin im letzten Studienjahr, dem KPJ, betreut.
Eines der Herzensprojekte der dort tätigen Kolleginnen und Kollegen ist derzeit das Landarzt-Zukunft Projekt, bei dem Studierende für das KPJ sowie für freiwillige Famulaturen in Landpraxen geschickt werden, wo auch ein gemeinsames Quartier organisiert wird, begleitende Seminare und gemeinsame Freizeitaktivitäten veranstaltet werden.
Eine weitere wichtige Maßnahme wäre die Einführung eines Mentoring-Projektes in Kärnten. Konzepte und Erfahrungen dazu gibt es bereits in Salzburg und Oberösterreich. Dafür bitte ich die Ärztekammer für Kärnten um Unterstützung.

Wir alle brauchen einen guten Hausarzt!

Und zur aktiven Mitarbeit im Sinne der Allgemeinmedizin, um aktive Mitarbeit in unserem Institut und auch außerhalb möchte ich Sie alle motivieren:
Wir haben in der ÖGAM gemeinsam mit der Bundessektion Allgemeinmedizin der Österreichischen Ärztekammer und den universitären Einrichtungen für Allgemeinmedizin jene Maßnahmen definiert, die aus den best verfügbaren Erkenntnissen aktueller österreichischer und internationaler Studien, sowie anhand der vorhandenen Expertise sinnvoll und dringend notwendig erscheinen.
Zur Sicherstellung einer wohnortnahen adäquaten medizinischen Versorgung der Bevölkerung bedarf es Änderungen in der universitären Ausbildung, der Fachausbildung, im niedergelassenen Bereich und hinsichtlich der systemischen Wertschätzung der Allgemeinmedizin.

Bitte nehmen Sie jene Teile aus diesem Masterplan Allgemeinmedizin als Argumentationsbasis, die Ihnen in Ihrem persönlichen Umfeld wichtig erscheinen.

Und ich rufe Sie auf, – so wie die Kolleginnen und Kollegen damals bei der Institutsgründung – heute aktiv zu werden, um die Erfolgsgeschichte der Allgemeinmedizin weiter zu führen!

Und nun darf ich meinen Festvortrag mit Worten des Dankes beenden: Besonderer Dank gebührt der Ärztekammer für Kärnten, in deren Infrastruktur unser Institut seit seiner Gründung zu Hause sein darf. Dank an alle Unterstützenden, an Lehrende und Lernende sowie danke all jenen, die sich bis hierher engagiert haben und all jenen, die dies auch künftig tun werden.

 

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